Über den Tellerrand

Ein Treffen mit Maria Fanninger und Hannes Royer, Initiatoren des Vereins „Land schafft Leben“,
der für Transparenz in Österreichs Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion sorgt und damit die Eigenverantwortung von Konsumenten fördern will.

Text: Michael Rathmayr

Kurz nach 11 Uhr am 800 Jahre alten Schattenschupferhof, in Rohrmoos bei Schladming. Hausherr Hannes Royer kommt gerade vom Zahnarzt. Folgerichtig noch nichts im Magen, kredenzt er Kaffee, frische Semmeln, Butter und Marmelade. Ganz ausgeschlafen ist Royer auch nicht. Am Vortag kam er erst nach 2 Uhr nachts ins Bett, weil er abends noch in Hartberg vor 300 Milchbauern gesprochen hat: „Denen schlackern heute noch die Ohren, was ich ihnen da alles erzählt habe.“

Hier am Hof, den Hannes Royer 1998 mit 21 Jahren von seinen Eltern übernommen hat, betreibt er eine biologische Kalbinnenaufzucht. Dazu kommen weitere Unternehmungen, Obmannschaften und vor allem sein Einsatz für Land schafft Leben. Antriebslosigkeit kann man dem Vater dreier Töchter keinesfalls unterstellen. Maria Fanninger, die nach ein paar Minuten dazustößt, scheint ebenso keine Schwierigkeiten zu haben, ihren Terminkalender zu füllen. Die Unternehmerin, Wirtschaftspädagogin und ehemalige Leistungssportlerin lebt mit ihrer Familie im nahen Lungau.

Auch bei ihr fließt der Löwenanteil des Arbeitspensums in Land schafft Leben. Beruf oder Berufung – eher Letzteres, darf man mutmaßen. Fanninger und Royer mit seinen markigen Sprüchen fungieren dabei gewissermaßen als ihre eigenen Testimonials, ihre Auftritte tragen viel zur Bekanntheit des Vereins bei.

Steile Entwicklung

Dabei war das Ganze ursprünglich ganz bescheiden geplant: Einen Tag in der Woche wollten die beiden gemeinsam mit Mario Hütter, dem Dritten (und heute stillen Ratgeber) im Bunde, für ihre Initiative verwenden. Es kam anders – mit seinem Kernthema, der Bewusstseinsbildung für die österreichische Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion, schien das Trio einen Nerv getroffen zu haben. Schon mit der ersten Pressekonferenz zur Gründung landete man 2014 auf den Titelseiten – tausende Medienveröffentlichungen zählt Land schafft Leben bis heute. Der Verein hat Büros in Schladming und Wien, das online frei zugängliche Archiv umfasst mehr als 400 Videos zur Produktion österreichischer Lebensmittel (Tierschlachtungen werden dabei explizit nicht ausgespart), über 5.000 Seiten Wissen und zahlreiche Unterrichtsmaterialien sind zum Download auf den Servern geparkt. Man steht bei 157 Folgen des Podcasts „Wer nichts weiß, muss alles essen“. Hinzu kommen umfangreiche Reports zu „Landwirtschaft, Ernährung und Klima“ oder demnächst zum Konsumverhalten im Lebensmittelbereich, Vorträge, Medientermine und manches mehr.

Zu dritt lässt sich das alles freilich längst nicht mehr stemmen. Land schafft Leben zählt derzeit knapp 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, manche in Teilzeit, der Großteil am Wiener Standort beschäftigt. Rechercheteam, Redaktion, Kommunikation, Administration, dazu pädagogisches Personal – alles um die Hintergründe zu Lebensmitteln „genauestens zu recherchieren, aufzubereiten und zu vermitteln“.

"Jeder Griff ins Regal ist am Ende auch ein Produktionsauftrag"
Hannes Royer

Bewusstsein schaffen

Fanninger und Royer wollen mit ihrem breiten Programm letztlich die Eigenverantwortung der Konsumenten fördern. Jeder Griff ins Regal sei am Ende auch ein Produktionsauftrag. Man wolle weder beschönigen noch skandalisieren – stattdessen faktenbasiert gegen die „Welt der Falschinformationen“ auftreten. Deshalb seien bei Land schafft Leben auch alle Materialien frei zugänglich. Und man könne sich zu einzelnen Lebensmitteln, zu Tierwohl, Pflanzenschutzmitteln, Gentechnik und vielem mehr über Factsheets und Infografiken schnell einen Überblick verschaffen – oder weit in die Tiefe der Themenbereiche gehen.

„Unsere heimischen Lebensmittel wird es nie zum billigsten Preis geben, das geht sich schlicht nicht aus“, meint Hannes Royer. Die Entscheidungsfreiheit liege am Ende natürlich bei den Konsumentinnen und Konsumenten – aber die bräuchten eben das Rüstzeug, um ihre Kaufentscheidungen sinnvoll zu treffen.

Neben Erbgut und Umwelteinflüssen sei die Ernährung eine weitere wichtige Komponente, was die Gesundheit des Menschen angeht, so Maria Fanninger. Gleichzeitig greife man auch in Österreich zunehmend auf hochverarbeitete Convenienceprodukte zurück, nehme dadurch zu viel vom Falschen, viele Kalorien und trotzdem zu wenige Nährstoffe zu sich. Zum Teil wüssten die Menschen auch einfach nicht, was gesund für sie ist. Manches sei da dem Unwissen, anderes schlicht der Bequemlichkeit geschuldet. 

Royer kommt auf die Milch zurück, sein Vortragsthema vom Vorabend: und zwar jene mit dem Zusatz „länger frisch“. „Länger frisch – gibt’s das denn eigentlich?“, fragt er. Die Milch wird haltbarer gemacht, indem sie entweder hocherhitzt oder mikrofiltriert wird. Durch das Erhitzen gehen Vitamine verloren, bei beiden Verfahren auch die „guten Bakterien“. Und wenn die länger frische Milch einmal offen ist, halte sie ohnehin nur noch gleich lange wie herkömmliche, pasteurisierte Milch. Auch das ist Wissen, das bei der Kaufentscheidung ein Rolle spielen sollte.

"Unsere heimischen Lebensmittel wird es nie zum billigsten Preis geben, das geht sich schlicht nicht aus."
Hannes Royer

Früh übt sich

Den Bildungsschwerpunkt von Land schafft Leben führt Maria Fanninger. Bei rund 6.000 Schulen in Österreich war von Anfang an klar, dass man die Lehrerinnen und Lehrer als Multiplikatoren brauchen würde. Der Verein stellt methodisch-didaktisch aufbereitete Unterrichtsmaterialien aus den Bereichen Lebensmittelwissen, Ernährungsbildung und Konsumkompetenz kostenlos zur Verfügung. Über den im Schuljahr 2021/22 gestarteten Lebensmittelschwerpunkt gehen die Informationen unter anderem über die Bildungsgdirektionen ans Lehrpersonal weiter – 110.000 Downloads konnte man so bisher verzeichnen.

Außerdem würden in Österreich über 200.000 Kinder unter der Woche mittags außer Haus essen. „Eine unglaubliche Verantwortung, die wir da an Dritte weitergeben“, so Fanninger. Es sei dabei nicht wirklich geregelt, dass die Kinder auch bedarfsgerecht verpflegt werden. Vielmehr sei es Willkür oder Zufall, was da auf den Mittagstellern lande. Dem wolle man mit Nachdruck entgegenwirken.

Preisfragen

Die massiven Preissteigerungen in vielen Lebensbereichen rücken das Thema Preis auch beim Lebensmitteleinkauf wieder ins Zentrum. Manch seltene positive Nebenwirkung der Pandemie, wie das größere Augenmerk auf Regionalität und Qualität von Lebensmitteln, sei dadurch sehr schnell wieder in den Hintergrund gerückt. „Nach Corona waren wir da schon sehr gut unterwegs“, attestiert Hannes Royer. Jetzt heiße es immer, das Geld fehle schlicht, um gesunde, nachhaltig produzierte Lebensmittel zu kaufen. „Für die wirtschaftlich Schwächsten stimmt das sicher – aber der Großteil der Leute macht es sich da zu leicht.“ 

Mit Essen sei man eben dreimal täglich konfrontiert, da fielen einem die Preisanstiege permanent auf. Kaum jemand tanke weniger, weil der Treibstoff teurer geworden ist. Ganz anders beim Einkauf im Supermarkt: Mitten in der Pandemie hätten laut der Studie eines Lebensmittelhändlers 25 Prozent der Konsumenten Aktionspreise attraktiv gefunden – heute seien es über 70 Prozent. Da werden viele Werte wie Gesundheit, Versorgungssicherheit und Ökologie wieder dem Preis untergeordnet. Entmutigen lassen will man sich von solchen Entwicklungen aber nicht, denn insgesamt steige das Bewusstsein der Leute für Tierwohl und gesunde, nachhaltige Ernährung. „Da müssen wir jetzt eben durchtauchen. Wenn die Inflation sich stabilisiert hat, dann geht es hoffentlich umso schneller wieder bergauf.“

"Wir sind, was wir essen - unser Essen baut
buchstäblich unsere Zellen auf."
Maria Fanninger

Fördern nicht überstimmen

Land schafft Leben finanziert sich größtenteils durch die derzeit 60 Förderer aus der Lebensmittelproduktion, ihrer Verarbeitung und dem Handel. Seit 2021 ist zudem das Landwirtschaftsministerium als Geldgeber des Vereins dabei, mit dem Länderanteil beläuft sich die Förderung auf rund 750.000 Euro. Maria Fanninger und Hannes Royer sehen darin keinen Widerspruch zu ihrer Positionierung als „unabhängiger, unpolitischer Verein“.

Interessensvertretung sei man mitnichten – und man habe immer transparent gemacht, woher die Finanzierung des Vereins kommt. Die Geldgeber dürften nicht mitreden, vielmehr seien sich diese eben auch über die Notwendigkeit der Bewusstseinsbildung für österreichische Lebensmittel im Klaren. Förderer würden überdies immer öfter auf die Expertise von Land schafft Leben zurückgreifen, um zukunftsorientiert mit heimischen Lebensmitteln zu arbeiten und zu handeln.

Das sehr solide Standing des Vereins würde dafür sorgen, dass man uneingeschränkt und ohne Einflussnahme von außen weiter an den Vereinszielen arbeiten könne. Viele der Förderer seien von Anfang an dabei. „Ein paar wenige haben uns auch wieder verlassen, weil sie sich an bestimmten Positionen gestoßen haben“, so Royer.

Viel zu tun

Als thematische Schwerpunkte für die mittelfristige Zukunft sehen Maria Fanninger und Hannes Royer weiterhin Regionalität, Tierwohl, Klima und Ernährung – auch, wie das alles miteinander zusammenhängt. Konkret setzt sich der Verein seit Längerem für eine Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln auch in der Gastronomie ein, wie sie in der Schweiz seit 1995 existiert. Dort hätten Restaurantgäste die Wahl, ob sie ihr Schnitzel mit Fleisch aus der Schweiz, aus Österreich oder aus Ungarn zubereitet haben wollen. Ganz allgemein wolle man bei Land schafft Leben, dass sich die Menschen wieder als Teil der Natur begreifen, als Konsumenten die komplexen Folgen ihrer Kaufentscheidungen erkennen können: „Wir sind eingewoben ins Leben. Und wir sind, was wir essen. Das ist nicht spirituell zu verstehen – unser Essen baut buchstäblich unsere Zellen auf.“

© Land schafft Leben, Michael Rathmayr

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