Struktur und sozialer Austausch

Im Grazer Bistro SuppKultur beschäftigt pro mente steiermark Menschen mit psychischen Erkrankungen, die beruflich wieder Fuß fassen wollen.

Text: Michael Rathmayr

Alois Luttenberger-Hirschmugl wurde vom AMS an pro mente vermittelt. Der 50-Jährige war erst im Gartenbaubereich des psychosozialen Dienstleisters beschäftigt, nach einem Monat wechselte er in die Küche des SuppKultur. „Ich komme vom Land, da war die Arbeit im Garten nichts wirklich Neues für mich.“ Aufgaben und Dynamik einer Gastroküche seien da schon interessanter für ihn. Seit zwei Monaten ist er nun dabei, heute ist er im Stationenbetrieb beim Fleisch gelandet. Gerade paniert und brät er die Pariserschnitzel fürs Mittagsmenü. Früher hat Luttenberger-Hirschmugl in der Bauwirtschaft gearbeitet, auch Verkäufer, Totengräber und Bestatter war er schon, zudem sechs Jahre lang in einer Ordensgemeinschaft zuhause. Ein schweres Burn-out und gravierende gesundheitliche Probleme hat er hinter sich – er habe „viel Pech im Leben gehabt“. Aber sein Blick ist nach vorne gerichtet: Er wünscht sich, nach der beruflichen Rehabilitation eine feste Stelle zu finden. Einstweilen sei es für ihn trotz oder vielleicht gerade wegen der guten Auslastung im SuppKultur „eine Entspannung, diese Arbeits-Reha zu machen“. Speziell das Zusammenwirken mit den anderen in der Küche gefalle ihm hier.

Rücksichtsvoller Umgang

Bis zu 17 Menschen mit psychischen Krankheiten arbeiten aktuell im Bistro an der Liebenauer Hauptstraße. Maximal ein Jahr lang sind die Teilnehmer hier beschäftigt – manche in Teilzeit, andere full-time, von 7 bis 15 Uhr. Ihr Fachtrainer ist Helmut Marksl, erfahrener Koch, der viele Jahre in der Gastronomie in Asien unterwegs war. Dazu begleitet Regina Zirngast das Team bei den täglichen Aufgaben in der Küche, auch sie bringt jahrelange Erfahrung in der Branche mit. Die beiden bringen den Teilnehmern das Handwerk bei. Parallel werden sie von Sozialtrainerin Manuela Fraydl dabei unterstützt, die neuen Anforderungen zu meistern, berufliche Perspektiven auzuloten, Bewerbungen zu verfassen oder nur gemeinsam einen Arzttermin zu vereinbaren. „Wenn Gesprächsbedarf besteht, gibt es dafür immer Zeit und Raum“, sind sich Marksl und Fraydl einig. „Während wir auf die Gäste schauen, achten wir immer auch aufs Wohlbefinden unseres Teams. Das Essen muss natürlich trotzdem rechtzeitig fertig sein und schmecken.“ Ansätze, die in der Gastronomie im Grunde allgemeine Gültigkeit verdienen.

"Man lernt hier wirklich etwas - für mich ist es eine
Entspannung, diese Arbeits-Reha zu machen"
Alois Luftenberger-Hirschmugl, Teilnehmer im Supp-Kultur

Arbeitsalltag

Fast alle Teilnehmer an den beruflichen Reha-Programmen seien vom Arbeitsmarktservice zugewiesen, sagt Lisa-Marie Geißelbacher, Bereichsleiterin bei pro mente steiermark. In vielen Fällen sei es wichtig für die Menschen, auf dem Weg, ihr Leben wieder autonom zu gestalten, Struktur zu haben und soziale Kontakte zu pflegen. Ein geregelter, beruflicher Alltag könne dabei eine zentrale Rolle spielen – genau da knüpfe pro mente an. Neben Gastronomie und Gartenbau sind im Angebot beispielsweise auch Näh- und Fahrradwerkstätten vertreten, eine Elektroreparatur, ein Secondhand-Shop und eine Tischlerei. Insgesamt betreut das Unternehmen in der Steiermark mit seinem breiten Angebot jährlich rund 4.000 Menschen mit psychischen Erkrankungen. Alois Luttenberger-Hirschmugl befindet jedenfalls, er sei offen für einen ständigen Job in der Gastronomie. Er lerne hier viel – und: „Ich hätte später im Beruf gerne wieder so ein gutes Miteinander wie hier im SuppKultur.“

"Wenn Gesprächsbedarf besteht,
gibt es dafür immer Zeit und Raum."
Manuela Fraydl, Sozialtrainieren

Inklusives Angebot

Die Lebenshilfe Ennstal ist ein gemeinnütziger Verein, im Benissimo wird „gewinnorientiert, aber nicht auf Gewinnmaximierung hin“ gearbeitet. „Der größte Benefit für uns ist, dass wir hochwertige und sinnvolle Arbeitsplätze für Menschen mit Handicaps schaffen können“, sagt Gertrude Rieger. Gerade um den Wert der Arbeit zu unterstreichen, sei es wichtig, die Leistungen zu marktüblichen Preisen anzubieten. Der Slogan „Catering mit dem sozialen Etwas“ zeige den entscheidenden Unterschied auf, ergänzt Hans-Peter Gruber, Vater von Lukas und Elias, der die Bereiche Öffentlichkeitsarbeit und Kultur leitet. Die Küche des Benissimo ist jedenfalls voll ausgelastet. Größtes Catering-Unterfangen ist das Narzissenfest im Ausseerland. Man ist mit 40 Mitarbeitern dort, bis zu 700 VIP-Gäste werden bewirtet. Ein prestigeträchtiger Auftrag, samt großer Wertschätzung fürs Benissimo-Team – und ein einmaliger Multiplikator und Garant für Folgegeschäfte außerdem. Man sei, ganz der Inklusion verpflichtet, aber stets bemüht, allen ein gutes Angebot zu liefern. Auch die Mindestpensionistin solle, so Gertrude Rieger, „bei uns ein passendes Catering für ihre Familienfeier finden“. Über die Zeiten von „kauft man ihnen halt etwas ab“ sei man glücklicherweise längst hinweg. „Unsere Kunden bezahlen ja fürs Essen. Sie erwarten mit Recht, dass es schmeckt und alles passt.“

Bistro SuppKultur

„Deftig-feine Fleischgerichte, zart-feine Fischvariationen oder fleischlose Kulinarik“ werden im SuppKultur in Graz-Liebenau mittags in Form täglich wechselnder Menüs feilgeboten. Stets wird frisch gekocht, saisonal und regional eingekauft – für die Gäste im Bistro vor Ort und auch für all jene, die sich die Menüs nach Vorbestellung abholen wollen. 

Neben dem Mittagsgeschäft bietet das SuppKultur auch herzhafte bis süße Caterings für Firmenfeiern und private Anlässe an.

Helmut Marksl, erfahrener Koch und Fachtrainer im Bistro SuppKultur

 

pro mente steiermark

Das sozialpsychiatrische Dienstleistungsunternehmen betreut jährlich rund 4.000 Menschen mit psychischen Erkrankungen. Ziel ist, dass diese „ihr Leben wieder autonom und selbständig gestalten können (…) und beruflich wieder durchstarten“. 

Die multiprofessionellen Teams von pro mente bestehen aus Sozial- und Fachtrainern, Angebote umfassen unter anderem berufliche Rehabilitation, stundenweise Beschäftigungsangebote, betreutes Wohnen, mobile Betreuung, Präventionsarbeit, Sport und Bewegung. 

Auch engagiert man sich dafür, jene gesellschaftlichen Stigmata weiter abzubauen, mit denen psychische Krankheiten vielfach behaftet sind.

© Michael Rathmayr

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